Iran: Wo das Wasser Funken schlägt

Wie schon berichtet, kam es am Freitag, den 22. Februar 2013, in der Region Isfahan zu Protesten von rund 5000 Bauern, die dagegen protestierten, dass Wasser aus dem Fluss Sajande-Rud nach Jasd geleitet wird, während sie selbst kein Wasser für die Landwirtschaft haben. Die Bauern zerstörten dabei einige Rohre der Wasserleitung. Am nächsten Tag rückten staatliche Kräfte an, um die Leitung wieder herzustellen, stieß aber auf den erbitterten Widerstand der Bauern. Damit die Regierung die Leitung nicht so bald reparieren könne, gingen die Bauern mit einem Bulldozer ans Werk und setzten die Pumpstation außer Gefecht. Darauf schickte die Regierung Verstärkungskräfte nach Isfahan, was die Demonstranten noch wütender machte. 3 Autobusse, mit denen diese Kräfte an den Ort des Geschehens schickte, wurden in Brand gesteckt, wie diese beiden Filme zeigen:
http://www.peykeiran.com/Content.aspx?ID=59592
http://www.youtube.com/watch?v=9kcs1SRFhTs
Im ersten Film ist deutlich zu hören, wie die Leute „hamle“ (Attacke!) rufen.
Auch ein Schilderhäuschen der Verkehrspolizei sowie ein Gebäude der Bassidschi-Milizen sollen in Flammen aufgegangen sein.

Zum Zeichen des Protests stellten die Bauern ihre Traktoren an den trockenen Wasserkanal, aus dem sie früher immer ihr Wasser für die Bewässerung entnahmen.
Die staatlichen Kräfte setzten Tränengas und Streumunition gegen die Bauern ein, konnten sie aber nicht zurückdrängen. Es soll vier Tote und 50 Verletzte unter den Bauern gegeben haben.

Pasdaran-Webseite beschuldigt Regierung
Interessanterweise hat die regionale Webseite der Revolutionswächter (Pasdaran) in diesem Fall von Versäumnissen der Regierung gesprochen. Normalerweise sind das die ersten, die von Unruhestiftern reden und drauf los schlagen und schießen. Aber auch die Pasdaran wissen, womit sie es zu tun haben.
Diese Bauern sind genauso informiert wie der Rest der Bevölkerung, sie wissen, was ihnen blüht, wenn sie sich gegen die Staatsmacht wehren, Folter und Hinrichtung sind für sie kein Fremdwort. Warum trauen sie sich trotzdem auf die Straße, warum rufen sie zum „Angriff“ auf? Der Grund ist einfach: Jetzt beginnt der Frühling, wenn sie jetzt kein Wasser haben, um die Felder zu bestellen, werden sie dieses Jahr nichts zu ernten haben. Das haben sie schon im letzten Jahr erlebt, aber damals wurden ihre friedlichen Proteste vor dem Parlament ignoriert. Wenn sie sich jetzt wehren, können sie ihre Familie nicht mehr über Wasser halten. Dann müssen sie abwandern, aber wohin? Es ist die Not der Verzweiflung, die sie zu diesem Aufstand treibt.

Die Botschaft ist angekommen
So wie diesen Bauern geht es vielen im Iran. Erst funkt es hier, dann explodiert es im ganzen Land. Die Regierung scheint begriffen zu haben, dass sie nachgeben muss, wenn sie überleben will. So ist davon die Rede, dass die Revolutionswächter Verhandlungen mit den Bauern aufgenommen haben, dass den Familien der Verletzten Entschädigungen versprochen wurde, und dass die Bauern ihr Wasser nun bekommen sollen. In Jasd, wo das aus Isfahan abgezweigte Wasser dafür fehlt, kam es ebenfalls zu Protesten der Bevölkerung. Dort versuchen die Behörden die Bevölkerung damit zu beschwichtigen, dass sie Trinkwasser in Flaschen verteilen lassen und versprechen, einen Brunnen zu bohren.

rationiertes Trinkwasser in Jasd

Die Besitzer der Teehäuser waren die ersten
Es ist der zweite Fall so entschlossenen Widerstands aus der Bevölkerung. Der erste ging von den Teehausbesitzern aus. Die Regierung hatte nach der Niederschlagung der Proteste von 2009 beschlossen, dass in den Teehäusern niemand mehr Recht habe, Wasserpfeife zu rauchen. Das war vor allem unter den Jugendlichen beliebt, Jungen wie Mädchen kamen bei dieser Gelegenheit gern zusammen. Und eine Regierung, die die Bevölkerung unterdrücken möchte, hat natürlich Angst vor jeglicher Art von Zusammenkünften. Daher das Verbot. Die Folge: Niemand mehr ging ins Teehaus, denn Tee trinken konnte man auch zu Hause. Darauf versammelten sich landesweit die Teehausbesitzer mit ihren Familien vor den Provinzgouverneuren und vor dem Parlament, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Die Regierung merkte, wenn sie darauf keine zufriedenstellende Antwort gab, konnte es im ganzen Land losgehen. Also wurde das Wasserpfeifenrauchen wieder erlaubt. Nur dürfen Jungen und Mädchen jetzt nicht mehr gleichzeitig zusammen die Pfeife rauchen.

Diese Ereignisse sind es, die die weitere politische Entwicklung im Lande bestimmen werden, nicht die Wahlen.

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