Der neunte Kandidat

Mehriran.de – Nach der Kandidatenvorauswahl durch den Wächterrat sind sich Kommentatoren einig. Durch den Trichter kamen ausschliesslich Männer, die sich als gehorsame Untertanen gegenüber dem Obersten Führer Ali Khamenei erwiesen haben. Von den acht zugelassenen Kandidaten stehen sich vermutlich Said Dschalili und Ali Akbar Welayati als ernsthafte Konkurrenten gegenüber. 
Der Ausschluss Akbar Rafsandschanis von der Wahl hat einige Diskussionen unter Revolutionären der ersten Stunden ausgelöst. Man wagt es die Frage der Legitimität der Wahl und des Obersten Führers Khamenei zu stellen, aber die indoktrinierten Eiferer der folgenden Generation scheint das wenig zu kümmern. Für die Eiferer zählt nur das Wort Khameneis, Gehorsam ist deren oberster Wert.
In einer kürzlich gehaltenen Rede Khameneis drängte er auf eine hohe Wahlbeteiligung, wohl wissend, dass eine hohe Wahlbeteiligung sein Regime legitimieren wird. Er ignorierte dabei den Ausschluss seines alten Weggefährten und seiner Macht gefährlichen Widersacher Rafsandschani. Dafür zeigte das iranische Staatsfernsehen mehr Interesse daran, dass die Causa Rafsandschani nicht hochgeschaukelt werde.
 Mohammed Reza Aref
Als Mohammed Reza Aref in einer vom staatlichen Fernsehen übertragenen Wahlkampfrede den Namen Rafsandschanis ins Spiel brachte, wurde die Übertragung sofort gestoppt. Ein klares Signal vom Obersten Führer. Die Parole gilt, über Unliebsames soll öffentlich nicht gesprochen werden. Gleichzeitig zeigen sich an strategisch wichtige Stellen in Teheran seit Tagen uniformierte Einheiten, die zur Niederschlagung etwaiger Proteste eingesetzt werden sollen. 
Im Ausland wie im Iran regen sich viele Stimmen, die der Bevölkerung empfehlen nicht Teil zu nehmen an den Wahlen, um nicht die zunehmende Verabsolutierung der Macht durch die faschistischen Kräfte hinter Khamenei zu legitimieren. Der inhaftierte ehemalige stellvertretende Innenminister Mostafa Tadschzadeh warnt vor der "absolutistischen Monarchie" des Obersten Führers und ruft dazu auf nicht zur Wahl zu gehen.
 Mostafa Tadschzadeh
Im Ausland ist die Freiheitsbewegung von Reza Pahlavi, dem Sohn des 1979 gestürzten Monarchen bekannt für ihre Aufrufe die Wahlen zu boykottieren. Gespannt schaut das Geheimdienstministerium Irans auch auf die Derwische im Land. Der größte Derwisch Orden im Land, Nematollah Gonabadi Orden genannt, hatte sich bei den Präsidentschaftswahlen 2009 für eine Unterstützung von Mehdi Karoubi stark gemacht. Im Iran leben schätzungsweise 10 Millionen Derwische, die für eine strikte Trennung zwischen Religion und Staat sind und dadurch Hardlinern und ihrem Oberhaupt Khamenei einiges an Kopfzerbrechen bereiten. Der in Paris lebende Religionswissenschaftler und Iran Kenner Mostafa Azmayesh ist das Bindeglied der Derwische zur Presse im Westen. Immer wieder gibt er Interviews über die Verfolgungen, Hetzartikel und unrechtmäßigen Gerichtsverfahren gegen Mitglieder der als tolerant geltenden Mystiker. Ein Aufruf die Wahlen zu boykottieren von Seiten der Derwische würde durchaus ins Gewicht fallen, denn im Iran gelten die Derwische bei vielen als vertrauens- und glaubenswürdige Personen. Als Azmayesh kürzlich auf seiner Facebook Seite ein Bild mit dem Slogan "Ich wähle nicht" teilte und dazu schrieb: "was gibt es da auch zu wählen? – Demütigungen, Elend und Sklaverei?" deutete eine mit dem Geheimdienstministerium verbundene Webseite (Dideban News) den Kommentar sofort als Aufruf zum Wahlboykott.

In dieser Wahl könnte neben den acht offiziellen Kandidaten ein neunter Kandidat eine entscheidende Rolle spielen: die Wähler, die sich durch Verweigerung einer Scheinwahl entziehen.
mehriran.de, Mai 2013
Source: http://www.mehriran.de/artikel/datum///der-neunte-kandidat/

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