Jenseits der iranischen Grenze – nicht nur ISIS

In den letzten Tagen ist in den westlichen Medien viel von einer Gruppe namens ISIS zu hören (der Name bedeutet: Islamischer Staat in Irak und Syrien), eine Bezeichung, die in den arabischen Staaten und im Iran Da‘isch lautet und sinngemäß das gleiche bedeutet. Wobei das Wort Syrien (Scham) nicht nur Syrien, sondern auch noch Libanon und Jordanien umfasst. Die häufige Nennung von ISIS in den Medien ist sicher den militärischen Erfolgen der Gruppe zu verdanken, aber gerade aus diesem Grund lohnt es sich, genauer hinzuschauen. ISIS ist nämlich bei weitem nicht die einzige sunnitische Gruppe im Irak, die mit Waffengewalt vorgeht, und die Erfolge, die ihr zugeschrieben werden, sind keineswegs nur ihre eigenen Erfolge.
Informationen über das Spektrum der anderen beteiligten Gruppen sind naturgemäß schwer zu erhalten und noch schwerer zu überprüfen. Da der Irak Nachbarland des Irans ist und obendrein die Pasdaran direkt Kräfte im Irak stationiert haben, ist auch bei oppositionellen iranischen Gruppen das Interesse am Geschehen im Irak groß, schließlich ist die Gefahr eines Kriegsausbruchs direkt an der Grenze für die Iraner nicht eine Frage von Fernsehshow und mehr oder weniger interessanten Debatten von Experten, sondern eine Frage des eigenen Überlebens. Aus diesem Grunde beschäftigen sich die iranischen Oppositionsgruppen sehr intensiv mit dem Geschehen im Irak und schicken ihre eigenen Leute hin, die dort Informationen sammeln und an ihre Organisation weiterleiten. Solche Berichte sind sehr detailliert und stehen natürlich nicht öffentlich im Internet, wohl aber die eine oder andere Übersicht, die auf solchen detaillierten Berichten fußt.
Eine solche Übersicht, wie sie heute (23.06.2014) in verschiedenen Webportalen, z.B. in
http://j.mp/Tp3HQE
veröffentlicht wurde, soll hiermit den deutschsprachigen Lesern vorgestellt werden. Wohlgemerkt, die Nachrichten können wir nicht überprüfen, ihre Quelle sind allerdings keine Journalisten, sondern politisch aktive Menschen, die für ihre Organisationen in der Heimat die Lage im Nachbarland ausleuchten.
Die Namen der Organisationen sind die persische Version, die sich oft von der arabischen unterscheidet.

Oberster Militärrat der Revolutionäre des Iraks (Schouraye Aliye Nesamiye Enqelabiyune Eraq)
Gegründet 2013 in der irakischen Provinz al-Anbar. Die Organisation hat sich dann auf alle sunnitischen Gebiete im Irak ausgebreitet. Die Organisation ist auch im Internet (Facebook, Twitter etc.) vertreten. Die Mitglieder der Organisation sind unbekannt, es heißt, dass sie von einigen entlassenen Generälen der früheren irakischen Armee geführt wird. Ein ehemaliger Offizier der irakischen Luftstreitkräfte namens „Mas-har Gheissi“ fungiert als Sprecher des Militärrats. Dieser Rat veröffentlicht monatliche Berichte über die „Verluste“ der irakischen Regierungsstreitkräfte. Schon der Stil weist auf eine militärische Vergangenheit hin.

Kämpfer der Nakschbandi
Die Nakschbandi sind ein alter sunnitischer Orden, die von der islamischen Mystik geprägt sind. Von daher handelt es sich erstmal nicht um eine bewaffnete Gruppe. Die politische Entwicklung im Irak hat aber dazu geführt, dass dieser Orden unter den Einfluss von Isat Ibrahim Duri geraten ist, einen ehemaligen Adjutanten von Saddam Hussein. Die Kämpfer dieser Gruppe befürworten einen Befreiungskrieg im Stil von Omar Mochtar (Libyen) und Amir Abdolqadr (Algerien). Inspiriert wird die Gruppe auch von historischen geistigen Führern der Tschetschenen in Daghestan, wie etwa von Imam Schamil Nakschbandi (19. Jh.).
Die Gruppe ist in Mossul, Kirkuk und einem Teil von Baghdad aktiv, und wegen ihres Schwerpunkts in Mossul ist nach den jüngsten Kämpfen die Verwaltung der Stadt Mossul in ihre Hände übergegangen.

Der Rat der Stämme (Schouraye ‚Aschayer)
In diesem Rat sind etwa 70 große Stämme vereinigt. Sie verfügen über 40 Bataillone in den Provinzen al-Anbar, Niniwe, Salahuddin, Diyale und Ta‘mim. Ihr Schwerpunkt liegt in Kirkuk. Sie sind in Ramadi, Chalida, Falludscha sowie in Teilen Baghdads vertreten. Der Oberbefehl über diese Kräfte liegt bei ehemaligen Generälen der irakischen Armee. Die mittlere Führungsebene liegt bei den Führern der Stämme. Dieser Rat verfügt über gute Waffen- und Munitionsvorräte.

Baath-Partei
Die Baath-Partei war die frühere Regierungspartei unter Saddam Hussein. Sie umfasste damals 11 Millionen Mitglieder. Nach dem Sturz von Saddam Hussein und den Mordanschlägen auf Baath-Mitglieder tauchten viele Intellektuelle, die der Partei angehört hatten, unter. Das Verhalten der Regierung Nuri al-Maliki führte dazu, dass ein Teil der Baath-Mitglieder in den verschiedenen Provinzen wieder aktiv wurde, die Zahl soll sich auf eine halbe Million belaufen. Die Baath-Mitglieder sind auch in den mehrheitlich schiitischen Gebieten gut vertreten.

Bataillone der Revolution der 1920-er

Diese Gruppe hat ihren Namen von einem Generalaufstand der Stämme im Irak gegen England, der in den 1920-ern stattfand. Sie präsentiert sich als irakisch-nationalistisch und hat zahlreiche Anschläge gegen die US-Kräfte im Irak verübt. Auch das Legen von Sprengkörpern auf den Transportwegen der US-Streitkräfte gehört zu den von ihr befürworteten Methoden. Sie ist in den Provinzen al-Anbar, Salahuddin und Teilen Kirkuks aktiv. Mitgliedern dieser Gruppe ist es gelungen, in den letzten Tagen wichtige Gebiete in Diyale und Salahuddin zu erobern.
Die Gruppe soll den geistlichen Führern der irakischen Sunniten unter Harith Sari nahestehen.

Vereinigung der Anhänger des Islam (Jama‘ate Ansare Eslam)
Diese Vereinigung ist eine salafitisch-dschihadistische Gruppe, die im Jahr 2001 von einem kurdischen Molla namens „Molla Karikar“ gegründet wurde. Vor der Ankunft der US-Truppen kämpften ihre Leute im Kandil-Gebirge, 2003 verlagerten sie ihre Kräfte ins Innere des Iraks. Als die Gruppe 2005 den al-Kaida-Führer Abu Mas‘ab Sarqawi für sich als Führer anerkannte, kam es zur Spaltung der Vereinigung. Nach dem Abzug der US-Truppen aus dem Irak 2011 hatte diese Vereinigung ihre bewaffneten Aktivitäten ausgesetzt und verlagerte sich auf politische Aktivitäten in den Provinzen Niniwe, Kirkuk und Teilen von Diyale. Die Gruppe ist sehr geschlossen, ihre Führer sind nicht bekannt, lediglich ein Abu Omar Iraqi, der mit diesem Pseudonym die Organisation von Niniwe aus leitet.

Vereinigung der Armee der Mudschahedin
Eine dschihadistische sunnitische Gruppe, die al-Kaida nahesteht. Sie wurde später von Stammestruppen niedergeschlagen. Als die Kämpfe in Syrien aufflammten, wurden ihre Kräfte an der Grenze zu Syrien, namentlich in Falludscha aktiv. Auch in den Gebieten Suba‘ und Yussefiye (Baghdad) hat sie ihre Zellen. Sie legt bewaffnete Hinterhalte gegen die irakischen Regierungstruppen.

Islamische Armee des Irak
Sie wurde 2004 gegründet. Sie war militärisch aufgebaut und verlagerte sich 2009 auf politische Aktivitäten und Medienarbeit. Diese Armee ist ein Produkt der Aktivitäten der Muslimbrüder im Irak. Mit der Vertreibung ihrer politischen Führer aus der Politik und der Verhängung von Todesurteilen gegen sie unter der Regierung von Nuri al-Maliki ist die Islamische Armee des Irak wieder auf die militärische Ebene zurückgekehrt.

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