ISIS – den Teufel mit Beelzebub austreiben

Der iranische Analytiker Hossein Baghersade, der sich seit vielen Jahren mit der politischen Entwicklung im Iran und im Nahen Osten befasst und in Westeuropa im Exil lebt, hat jüngst einen viel beachteten Aufsatz unter dem Titel „Aqrabe jarari be name da°esh“ (Ein giftiger Skorpion namens ISIS) veröffentlicht, der gekonnt an die islamische Vorstellung von der Hölle anknüpft. In dieser Vorstellung wimmelt es in der Hölle von giftigen Vipern, aber noch viel schrecklicher ist der Biss der Skorpione, so dass die armen Sünder in ihrer Angst zu den Vipern Zuflucht nehmen, um vor dem Biss der Skorpione Rettung zu finden.
Mit diesem plastischen Bild leitet Hossein Baghersade seinen Aufsatz über das Auftreten der ISIS und die Reaktion der westlichen Welt ein.
Er weist darauf hin, dass diese Organisation lange Zeit keine große Beachtung fand und wie andere lokale terroristische Organisationen eingestuft wurde.
Immerhin war es dem Westen gelungen, nach dem medial erfolgreichen mörderischen Auftreten von Al-Kaida und Bin Laden in New York einige der Köpfe der Organisation umzubringen und die Angriffe der Organisation auf das nicht-westliche Ausland zu begrenzen. Nachfolgeorganisationen mochten im Nahen Osten morden, im Westen konnte man beruhigt schlafen. Mit den raschen Erfolgen der ISIS hat sich das schlagartig geändert.

Ein eigenes Territorium – wesentliches Element der Staatenbildung
Nach einer verbreitetern juristischen Definition ist ein wesentliches Merkmal der Bildung eines Staats die Herrschaft über ein definiertes Staatsgebiet. Und genau das ist ISIS gelungen, als es Mossul eroberte. Damit konnte man diese Organisation nicht mehr wie andere im Nahen Osten aktive bewaffnete Gruppen abhandeln, indem man sie auf irgendeine Liste terroristischer Organisationen setzte, deren Konten man einfriert und für deren Mitglieder man Einreiseverbote verhängt oder extralegale Hinrichtungen organisiert, wie dies manche „zivilisierte“ Staaten zu tun pflegen.

Es kommt noch schlimmer
Doch nicht nur das – Mossul war der erste Schritt zu den Ölquellen, und ISIS geht zielstrebig vor, weitere Gebiete einzunehmen, in denen Erdöl gefördert wird. Das ist ein ganz anderer Schlag als der Angriff auf die Twin Towers. In New York wurde die symbolische Macht des Westens angegriffen, mit der Einnahme von Erdölgebieten geht es im wirtschaftlich an den Kragen. Wer Öl verkaufen kann, hat Geld, um Waffen zu kaufen. Und das hat die ISIS jetzt. Wer kennt sonst eine „terroristische Gruppe“, die mit Panzern auffährt? Die sind nicht ganz billig.

ISIS – in unserer Sprache
Und als wäre das nicht genug, geht ISIS auch noch hin, nimmt Ausländer gefangen und ermordet zwei US-Journalisten vor laufender Video-Kamera. Das Video wird auch noch ins Internet gestellt und nicht mit irgendwelchen arabischen Kommentaren versehen, wie das al-Kaida-Webseiten taten, sondern von Männern kommentiert, die im besten britischen Englisch sprechen. Das sind welche von uns, britische Staatsbürger, deutsche, türkische, die dort mitkämpfen, auf der Seite der ISIS. Wenn diese Menschen bereit sind, solche Enthauptungen so positiv zu kommentieren, was werden sie tun, wenn sie in ihre Heimatländer – also zu uns – zurückkehren?
Solche Gedanken lassen in der westlichen Politik Panik aufkommen.

Zündschnur am Pulverfass
Selbst in dieser Situation gibt es noch eine Steigerung – ISIS hat sich auch gezielt Minderheiten und Andersdenkende in den von ihr eingenommenen Gebieten vorgeknöpft. Wer denkt nicht an die verfolgten jesidischen Kurden, die jetzt in aller Munde sind, oder an die irakischen Christen, die fast zwei Jahrtausende in der Region ihre Wurzeln haben und nun Opfer des Mordes und der Vertreibung werden und erleben müssen, wie ihre Heiligtümer nach Taliban-Art zerstört werden? Es gibt genügend Minderheiten im Irak und in Syrien, und wer so brutal gegen sie vorgeht, hetzt die anderen gegen sich auf, ein großer Bürgerkrieg im Nahen Osten kann die Folge sein. Und das an den Erdölquellen.

Die NATO kommt zusammen
Vor diesem Hintergrund haben sich verschiedene Politiker der NATO kürzlich in Großbritannien (Wales) getroffen, um ihr Vorgehen abzustimmen. Angesichts der Vorgeschichte – dem einseitigen westlichen Vorgehen im Irak zum Sturz von Saddam Hussein, das ohne örtliche Verbündete erfolgte, ist ihnen klar, dass es keinen Sinn macht, den gleichen Fehler zu wiederholen. Wenn sie gegen ISIS erfolgreich sein wollen, benötigen sie Unterstützung vor Ort. Und das heißt nicht nur Türkei oder Saudi-Arabien, sondern direkt im Irak und Syrien und dort, wo einer der wichtigen Waffenpartner der beiden sitzt: in Teheran.

Und wo bleibt die Moral?
Das ist freilich ein seltsames Vorgehen. Hossein Baghersade greift hier eine vorausgegangene Diskussion auf, die der im Iran lebende Politikwissenschaftler Mohammad Nurisad vor etwa zwei Wochen mit einem Aufsatz über die neuen Bündnispartner des Westens eingeleitet hat.
Nurisad erinnert daran, dass ISIS brutal und bestialisch vorgeht, aber der syrische Präsident Bascher al-Assad hat den Einsatz von Chemiewaffen gegen seine eigene Bevölkerung auf dem Gewissen, und die Zahl der Opfer ist um ein Vielfaches größer, als das, was ISIS bislang auf dem Gewissen hat. Und wenn es um das Massakrieren von Minderheiten geht, ist das iranische Regime der ISIS meilenweit voraus. So sei an die Verfolgung der Baha‘i erinnert, oder an das große Massaker an allen Andersdenkenden im Jahr 1988. Beide Regime stehen bis zum Hals im Blut. Und das sind jetzt die Bündnispartner gegen ISIS.
Zu Recht weist Baghersade darauf hin, dass die beiden sich in zwei wesentlichen Punkten von ISIS unterscheiden:
Erstens verübten sie ihre Verbrechen heimlich und bestritten, sie je begangen zu haben, während ISIS sie vor laufender Kamera begeht und prahlend ins Internet setzt.
Und zweitens waren die Opfer des syrischen und des iranischen Regimes die „eigene“ Bevölkerung, der Westen konnte also beruhigt schlafen, es betraf ja nicht seine Staatsbürger und nicht seine Sicherheit.

ISIS – ein Geschenk des Himmels
So ist ISIS für zwei kriminelle Regime – das in Syrien und das im Iran – ein Geschenk des Himmels. Sie werden jetzt wieder salonfähig und man sieht über ihre lange Liste von Untaten hinweg. Vorläufig, solange ISIS eine Bedrohung darstellt. Denn eins sollten wir nicht vergessen: Die Staatsverbrecher in Syrien wie die im Iran sind weiterhin an der Macht und verfolgen weiterhin ihre eigene Bevölerung, nie mussten sie sich vor einem fairen Gericht für ihr Tun verantworten.

Quelle: http://j.mp/Wzx2sS

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