Islamistischer Terror – Türkei am Scheideweg

ISIS und der Iran – Rivalen
Zugegeben, die Organisation „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) wird nicht von den iranischen Mollas unterstützt und auch nicht von den iranischen Pasdaran ausgebildet. Insofern scheint der Iran für diesmal nur außenstehender Zuschauer zu sein. Aber der Eindruck trügt. Erstens verläuft der Krieg, den ISIS gegen die Bevölkerung im Irak und Syrien durchführt, in zwei Gebieten, die sich seit langem durch militärische Präsenz des Irans auszeichnen. Im Irak waren es die Kämpfer vom Moqtada Sadr, die mit Geld, Waffen und humanitären Gütern Unterstützung von iranischer Seite erhielten, in Syrien war der Iran direkt mit Einheiten der Pasdaran vertreten, um das Regime von Baschar al-Assad zu unterstützen. Wenn eine militärische Bewegung wie ISIS dort die Karten neu mischt, hat das automatisch Auswirkungen auf die Position des Irans.

Kurden vor der Haustür – oder Islamisten?

Aber noch viel direkter betroffen ist zur Zeit die Türkei. Nicht nur, weil dort zahlreiche Flüchtlinge aus Syrien Zuflucht gesucht haben, nicht nur wegen der intensiven Wirtschaftspräsenz der Türkei in Syrien, sondern auch, weil die Kämpfe um Kobaniye jetzt direkt an der türkisch-syrischen Grenze ablaufen. ISIS hat bislang von dieser für Schmuggel durchlässigen Grenze profitiert, indem es irakisches Erdöl aus seinem Besatzungsgebiet günstig in die Türkei verkauft hat. Wenn man 60 Dollar pro Barrel verlangt statt 100, finden sich schon Käufer…
Ob die türkische Regierung dagegen nicht einschreiten wollte oder konnte, ist eine Frage für sich. Jetzt muss sie sich aber entscheiden. Der Widerstand in Kobaniye wird stark von kurdischen Kämpfenden (auch Frauen) getragen, syrischen Kurden wie türkischen. Die PKK führt in Kobaniye Schulungen für Frauen durch. Dies soll ein revolutionäres Frauenbild fördern und nebenbei das Image von „Apo“ Öcalan aufmöbeln, der hier zum Philosoph mutiert und dessen Bild viele Gebäude in Kobaniye ziert. Dabei suchen die Vertreter der Kurden auch Verbündete vor Ort, zum Beispiel unter den Arabern.
Lässt die türkische Regierung den Fall von Kobaniye zu, hat sie die Islamisten der ISIS morgen im eigenen Land und damit auch den Krieg im eigenen Haus. Unterstützt sie dagegen die Kurden in Kobaniye, stärkt das deren Position in Syrien und rückwirkend vermutlich auch in der Türkei. Und wenn man eine bewaffnete Organisation wie die PKK Jahrzehnte als Terroristen und Kindermörder in den Medien brandmarkt, wie das in der Türkei geschieht, kann man so eine Haltung nicht von heute auf morgen wechseln. Eine schwierige Entscheidung.

Die kurdische Version
In PKK-nahen Quellen wie Özgür Gündem kann man zum Beispiel lesen, dass die ISIS die Hügel um den türkischen Grenzübergang Mürsitpinar unter Beschuss genommen haben, ohne dass die türkische Armee das Feuer erwidert hätte. Dafür hätte die türkische Armee sämtliche Grenzübergänge geschlossen und so dazu beigetragen, dass eine Person, die durch einen Angriff der ISIS verletzt wurde, nicht behandelt wurde und an den Folgen der Verletzung gestorben sei.
http://j.mp/1s4gsPR

Die Version des türkischen Militärs
Militärische Quellen aus der Türkei haben dafür gegenüber der türkischen Tageszeitung Milliyet (Nation) erklärt, dass sie auf alle Aggressionen antworten, die gegen die Türkei gerichtet sind. Dies berichtet die Zeitung Radikal am 5. Oktober unter dem Titel: Die Türkischen Streitkräfte schießen ohne Unterschied auf die YPG (Kurdische Einheiten in Kobaniye) und die ISIS („TSK, YPG ve IŞİD ayırmadan vuruyor“).
So heißt es, wenn Schüsse auf türkisches Territorium gezielt würden, könne mit Hilfe der Radaranlagen AN-TPQ-26 sofort festgestellt werden, von wo sie abgefeuert wurden. Darauf werde mit der Panzerhaubitze T-155 Fırtına geantwortet (eine türkische Lizenzproduktion der südkoreanischen Panzerhaubitze K9 Thunder). Die türkischen Militärs wollen mit dieser Darstellung betonen, dass sie nicht auf die US-amerikanischen F-16-Flugzeuge zur Aufklärung angewiesen seien. Zweimal sei von Fahrzeugen der ISIS auf türkischen Boden geschossen worden, einmal von einer Batterie der kurdischen Einheiten. Die türkischen Streitkräfte hätten auf diese Beschießung mit Gegenfeuer geantwortet.
http://j.mp/1s4gtU7
Diese Darstellung zeigt deutlich, dass die türkische Armee bemüht ist, sich als neutraler Gegner darzustellen. Konsequent weitergedacht bedeutet das, dass sie den als Gewinner akzeptiert, der sich in Kobaniye als der Stärkere erweist. Das ist vermutlich nicht das Ziel der Armee, man kann also davon ausgehen, dass solche Erklärungen vor allem der Beschwichtigung des nationalistisch gesinnten Teils der türkischen Bevölkerung dienen.

Und Erdogan?
Die Entscheidung wird wahrscheinlich Erdogan und seine Regierung treffen, denn er hat die bisherigen Amtszeiten dazu genützt, die politische Macht des Militärs zu stutzen, so dass diese zwar noch ihre Version verbreiten können, aber nicht unbedingt das letzte Wort haben.

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