Gute Kurden, Böse Kurden

Syrien
Beginnen wir mit Hafis al-Assad, dem Vater des jetzigen syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Der hatte seinen Hauskurden namens Öcalan. Öcalan konnte von Damaskus aus die PKK in der Türkei aufbauen und führen, im Libanon, der teilweise unter syrischer Kontrolle stand, konnte die PKK ihre Kämpferinnen und Kämpfer trainieren. Das ging bis 1998, als die Türkei Syrien mit Krieg drohte. Darauf musste Öcalan das Land verlassen, die Endstation ist derzeit eine Gefängnisinsel in der Türkei.
Die Sympathie von Hafis al-Assad endete freilich bei den eigenen Kurden, von denen viele im Gefängnis landeten. Unter Baschar al-Assad haben sich die Verhältnisse insofern gewandelt, als nach dem Aufbau der Freien Syrischen Armee sich die syrischen Kurden der PYD nicht diesem bewaffneten Oppositionsbündnis gegen Baschar al-Assad anschlossen, sondern ein autonomes Gebiet namens Rojava ausriefen, zu dem auch die Stadt Kobane gehört.

Türkei
Der türkische Ministerpräsident Davutoglu führt die Weigerung der PYD, sich der Freien Syrischen Armee anzuschließen, als einen der Gründe auf, wieso die Türkei keinen Grund habe, der PYD in Kobane zu helfen. Ein weiterer Grund ist die enge Verbindung zwischen PYD und der PKK, deren Kämpfer ebenfalls in Kobane mitkämpfen. Eine PKK-Bastion vor den Türen der Türkei ist anscheinend auch Erdogan nicht sympathisch. Die türkische Armee ließ verlautbaren, dass sie von türkischem Boden auf alle schießt, deren Geschosse türkischen Boden treffen, auf die kurdischen Kämpfer in Kobane genauso wie auf die der islamistischen IS.
Aber auch die Türkei kennt gute Kurden. Da sind die irakischen Peschmerga von Barsani und Talebani in Erbil. Schon früher, als die türkische Armee mit der Operation „Cekic Güc“ (Hammer-Kraft) gegen PKK-Stellungen im Nordirak vorging, waren die Peschmerga für sie der Amboss. Zwischen diesem und dem Hammer sollte die PKK zerrieben werden.
Jetzt durften die „Guten Kurden“ zur Rettung nach Kobane eilen. Am 30. Oktober starteten 150 irakische Peschmerga in Erbil, um über Zaho und die türkischen Provinzen Mardin und Sanli Urfa nach Kobane zu gelangen. Die mit Flak-Geschützen und Panzerfäusten bewaffneten irakischen Peschmerge wurden von den türkischen Sicherheitskräften begleitet. Das hinderte die Bevölkerung in der Provin Mardin aber nicht daran, die kurdischen Streitkräfte begeistert zu empfangen. Immerhin das Symbol eines kurdischen Staats. Am 1. November sind die Peschmerga in Kobane eingetroffen, wo die PYD gleich eine Pressekonferenz veranstaltete, um den vereinten kurdischen Kampf zu präsentieren. Was sie dabei lieber unter den Tisch kehrten, lässt sich bei Murat Yetkin nachlesen, der in der türkischen Tageszeitung Radikal am 31.10.2014 darauf hinwies, dass Barsani eigentlich 2000 Kämpfer nach Kobane schicken wollte, aber das war der PYD nicht genehm, denn dann wären die irakischen Kurden zahlenmäßig so stark gewesen wie die jetzt in der Stadt verbliebenen syrischen und türkischen Kurden und das hätte die Macht der PYD geschmälert.

Irak
Die irakischen Kurden haben sich durch ihre Unterstützung der Regierung al-Malikis eine Autonomie ausgehandelt und konnten ein eigenes Staatsgebilde aufbauen. Die Hauptstadt Erbil war allerdings mit dem Aufschwung der ISIS ebenfalls von der Eroberung bedroht wie Mossul. Da trat ein Retter auf den Plan.

Iran
Dieser kam aus Teheran. Es handelte sich um den General Qassem Soleimani, Befehlshaber der Qods-Brigaden, einer Spezialeinheit der iranischen Revolutionswächter für Auslandseinsätze aller Art. Nun ist die iranische Regierung gewiss nicht der Sympathie mit der kurdischen Sache verdächtig. Die alltägliche Unterdrückung im iranischen Kurdistan, die auch vor Hinrichtungen nicht halt macht, die Ermordung von iranischen Kurdenführern im Ausland (Wien und Berlin), die Verfolgung der Komele und der Demokratischen Partei Kurdistan (Iran) und die Kämpfe zwischen Pasdaran und der Peschwak, eines iranischen Ablegers der PKK, zeigen deutlich, dass Teheran seine eigenen Kurden genauso feindselig wahrnimmt wie Ankara. Trotzdem wurde Qassem Soleimani nach Erbil geschickt, der den irakischen Peschmerga Waffen und Trainer zukommen ließ, denn im Kampf gegen die ISIS wurden die Peschmerga zu Guten Kurden. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Ajatollahs und die Pasdaran im Iran zu den engsten Verbündeten von Baschar al-Assad zählen, und ein Fall der kurdischen Gebiete im Nordirak durch die sunnitischen Eroberer würden deren Vormasch in Syrien noch erleichtern. So ist Teheran im Krieg gegen ISIS de facto ein Verbündeter der USA geworden.

Von Kobane nach Aleppo
Am 31. Oktober beklagte sich der türkische Präsident Erdogan bei seinem Besuch im Institut francais des relations internationales (IFRI) darüber, dass alle Aufmerksamkeit des Westens auf Kobane gerichtet sei. Ob es denn dort Gold oder Diamanten gebe? Wie Le Monde am 31. Oktober berichtete, sprach er sich gegen jegliche Grenzänderungen in der Region (durch eine kurdische Staatsbildung) aus. Er beklagte auch, dass die Türkei 1,6 Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen habe, die gesamte Europäische Union aber nur 200.000. Was Frankreich wie die Türkei aber sehr beunruhigt, ist die Befürchtung, dass die ISIS ihre Kämpfer von Kobane Richtung Aleppo in Marsch setzen könnte. Aleppo hat 1,5 Millionen Einwohner und ist nicht weit von der türkischen Grenze entfernt, schon die Gefahr eines Angriffs könnte innerhalb einer Woche anderthalb Millionen Menschen in die Flucht treiben, das heißt also, auf türkisches Territorium.

Schizophrenie in Deutschland

Während die Herrscher im Nahen Osten zumindest klare Vorstellungen davon haben, welches jeweils ihre Guten und ihre Bösen Kurden sind, üben sich Medien und Politik in Deutschland in Schizophrenie. Der „Spiegel“, der am 27.10.2014 die kurdischen Kämpferinnen in Kobane unter dem Titel „Allein gegen den Terror“ Rambo-mäßig aufs Titelblatt bringt und von den Kurden als dem verlassenen Volk schreibt, wusste die Kurden 1994 noch in ganz anderem Zusammenhang zu nennen: Da war die Rede von Kurdenkrawallen mit Autobahnblockaden, Selbstverbrennungen und Angriffen auf Polizisten. Volker Kauder, CDU-Fraktionsvorsitzender im Bundestag und Vertreter des Wahlkreises Rottweil-Tuttlingen, der auf seiner eigenen Webseite die Firmen Junghans und Mauser als Beispiel für die funktionierende Wirtschaft der Region bringt und auch von der Firma „Heckler & Koch“ sehr geschätzt wird, forderte jüngst Waffenhilfe für die PKK. Als Flüchtlinge in Deutschland durften die türkischen Kurden nicht einmal frei reisen – dem Verfasser ist ein Kurde hier aus dem Süden bekannt, der wegen Verstoßes gegen die „Residenzpflicht“ ein halbes Jahr Gefängnis absitzen musste, aber schießen sollen sie schon. Auf die ISIS natürlich, nicht auf deutsche Polizisten …

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