Ein Gespenst geht um im Iran – die Menschenrechtserklärung


Tonzylinder von Kyros II. (6. Jh. vor Christus)

Der Text
Die Menschenrechtserklärung, um die es hier geht, ist nicht die der Vereinten Nationen von 1948. Nein, sie ist etwa 2500 Jahre älter. Es handelt sich um einen Tonzylinder mit einem Text in akkadischer Keilschrift, der auf Veranlassung von König Kyros II. (Kyros der Große) verfasst wurde, nachdem er Babylon erobert hatte. Den Text findet man auf Englisch an folgender Stelle:
http://j.mp/1CZ5CzH
und auf Deutsch hier:
http://j.mp/1vQbbZx
Die Webseite http://www.livius.org liefert auch einen Scan des Original-Textes der Keilschrift, zu finden hier:
http://j.mp/1CZ5CPW
mit einigen Erklärungen von Jona Lendering zu den Tücken, die das Lesen und Verstehen dieser Texte erschweren:
http://j.mp/1vQbeo4

Menschenrechtserklärung vor 2500 Jahren?
Einmal abgesehen davon, dass solche alten Texte einen Wert für sich haben, ist es aufschlussreich, was für ein Politik damit betrieben wurde. So nutzte der Schah von Persien (Mohammad Resa Schah) das Stück zur Selbstdarstellung, als er im Jahr 1971 eine 2500-Jahresfeier der Monarchie im Iran inszenierte. Am 14. Oktober 1971 ließ er ein Imitat des Tonzylinders an den UN-Generalsekretär in New York übergeben, wo es einen Ehrenplatz erhielt. Bei http://www.livius.org kann man noch einen Originaltext jener Zeit finden, wie die UN die Propaganda des Schahs mittrug:
http://j.mp/1CZ5CPY

Das Wörterbuch von Dehkhoda (gesprochen DeH-choda)

Eine persische Übersetzung des akkadischen Texts hat auch im persischen online-Wörterbuch von Dehkhoda Eingang gefunden. Dieses umfangreiche Wörterbuch wurde in Jahrzehnten erstellt und wird heute durch Internet-Nutzer weiter aktualisiert. Einer dieser Nutzer, also keiner vom fachlichen Team, hat das Stichwort manshur, das mit Erlass, Edikt u.a. ins Deutsche übersetzt wird, um den Artikel manshur-e Kurush erweitert, also das Kyros-Edikt. Dort präsentiert er eine „Übersetzung“ des Textes, der eine glatte Fälschung darstellt:

Dort heißt es unter anderem:
„(..) ich verkünde, dass solange ich lebe und Masda mir die Zustimmung zur Herrschaft erteilt, die Religion und Tradition der Völker, deren Schah ich bin, geachtet wird. Und ich werde nicht zulassen, dass meine Amtsträger und Untergebenen die Religion und die Tradition der Völker, deren Schah ich bin, oder die anderer Völker erniedrigen oder sie beleidigen.
Ich werde von heute an, da ich mir die Krone des Schahs aufs Haupt gesetzt habe, bis zu dem Tag, an dem ich lebe und Masda mir die Zustimmung zur Herrschaft erteilt, niemals meine Herrschaft einem Volk aufzwingen. Jedes Volk ist frei, mich als seinen Herrscher zu akzeptieren oder nicht zu akzeptieren. Und wann immer es mich nicht als Herrscher akzeptieren will, werde ich keinen Krieg um die Herrschaft über dieses Volk führen.“ (…)
„So lange ich lebe, werde ich nicht zulassen, dass jemand einen anderen zur Fronarbeit heranzieht und ihn zur Arbeit zwingt, ohne ihm Lohn zu bezahlen.“ (…)
Es folgen noch viele weitere fromme Sprüche, die im Original nirgends zu finden sind. Es fällt auch auf, dass in dieser „Übersetzung“ tatsächlich Rechte garantiert werden, während das Original einen Rechenschaftsbericht darstellt. Da dieser Bericht historischen Mustern der damaligen Zeit folgt, darf man auch nicht davon ausgehen, dass alles, was im Original steht, der Wirklichkeit entspricht.

Die Übersetzung ist zwar falsch, aber sehr beliebt. Wer will, kann mal das Stichwort „Kyros Zylinder Menschenrechte“ bei google eingeben, da findet man ein breites Spektrum von Treffern, die auf der gefälschten Übersetzung beruhen, zum Beispiel bei amnesty international:
http://j.mp/1vQbeoi

Vom Schah zum Nobelpreis
Als der Friedensnobelpreis 2003 an die iranische Juristin und Menschenrechtsaktivistin Shirin Ebadi verliehen wurde, erklärte sie am 10. Dezember 2003, anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo:
„Ich bin Iranerin. Ein Nachkomme von Kyros dem Großen. Dem Herrscher, der vor 2500 Jahren auf dem Höhepunkt der Macht verkündete, dass „..er nicht über das Volk herrschen würden, wenn es dies nicht wolle.“ Und er versprach, dass er niemanden zwingen würde, seinen Religion oder Glauben zu wechseln, und er garantierte Freiheit für alle. Die Charta von Kyros dem Großen ist eines der wichtigsten Dokumente in der Geschichte der Menschenrechte, das man studieren sollte.“
Das ist ein Armutszeugnis für Shirin Ebadi, die noch unter dem Schah Jura studierte und die erste Richterin des Landes wurde. Sie ist 1947 geboren und hat die Schah-Propaganda aus eigener Anschauung mitbekommen. Da hätte sie sich auch mal kundig machen können, von Richtern erwartet man ja eigentlich, dass sie auch die Gegenseite hören oder lesen…
http://j.mp/1vQbeEw


Narges Mohammadi überreicht dem Oberhaupt der Sunniten im Iran, Moulawi Abdulhamid, den Menschenrechts an seinem Wohnort in Sahedan

Von Babylon nach Sahedan
Narges Mohammadi, eine engagierte und wiederholt inhaftierte iranische Menschenrechtlerin, die 1972 in Sandschan geboren wurde, ist heute stellvertretende Vorsitzende des Menschenrechtszentrums, das von Shirin Ebadi geführt wird. Sie lebt weiter im Land und läuft damit jederzeit Gefahr, für ihre Aktivitäten inhaftiert zu werden. Sie hat am 23. Dezember 2014 das Oberhaupt der Sunniten im Iran, den balutschischen Menschenrechtler Moulawi Abdulhamid, in Sahedan, der Hauptstadt der Region Sistan und Balutschistan, besucht und ihm ein Imitat des Tonyzlinders überreicht. So wie bei der Olympiade die Fackel von einer Hand in die nächste übergeben wird. Sie würdigte insbesondere den mutigen Einsatz von Moulawi Abdulhamid für die gleichberechtigte Religionsausübung aller Glaubensrichtungen. In diesem Punkt findet sich sogar eine Übereinstimmung mit dem echten Text des Tonzylinders, in dem Kyros darauf hinweist, er habe die Heiligtümer der diversen Götter in Babylon wieder installieren lassen.
http://j.mp/1vQbeEx

Vom Schah zum Botschafter der Islamischen Republik Iran
Was der Schah kann, können wir auch, dachte sich die iranische Regierung unter dem Geistlichen Hassan Rouhani. Und so enthüllte der Botschafter der Islamischen Republik Iran in Holland Aliresa Dschahangiri am 1. Dezember 2014 zusammen mit dem Generalsekretär der Haager Akademie für Internationales Recht, Prof. Yves Daudet, eine Replika des Tonzylinders im Justizpalast von Den Hague, dem Sitz des Internationalen Gerichtshofs. Der Rechtsberater der Botschaft der Islamischen Republik Iran Dr. Ali Fahimdanesch, schrieb dazu:
„Der Zylinder ist aus folgenden Gründen ein wichtiges Dokument. Erstens hält er fest, dass Kyros Babylon friedlich besetzt und dabei Blutvergießen und Plünderung verhindert hat. Zweitens besagt er, dass Kyros die Bewohner der Stadt von Zwangsarbeit befreit hat, die ihnen von den babylonischen Königen auferlegt worden war. Drittens sagt Kyros, dass er Götterstatuen in die Heiligtümer zurückgebracht hat, von wo sie entfernt worden waren. Viertens schickte er deportierte Völker in ihr Heimatland zurück. Die erste Charta der Menschenrechte wurde 1971 in alle offizielle Sprachen der Vereinten Nationen übersetzt, ihre Bestimmungen entsprechen den ersten vier Artikeln der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.“
Während Dr. Fahimdanesch mit den ersten Punkten noch an den Originaltext anknüpft, ist schon der Begriff „Bestimmungen“ irreführend. Denn das Dokument legt nicht fest, was in Zukunft getan werden soll, im Gegensatz zur Menschenrechtserklärung. Damit knüpft auch der Rechtsberater der iranischen Botschaft in Holland an den Mythos an, den der Schah in die Welt gesetzt hat.

http://j.mp/1CZ5AHP

Geschichtsfälschung – ein menschliches Bedürfnis?
Am Beispiel des Tonzylinders von Kyros dem II. kann man sehen, wie im Laufe von 40 bis 50 Jahren ein Mythos aufgebaut wird und sich festsetzt, der mit den historischen Fakten nicht viel zu tun hat. Die Teilhaber und Architekten dieses Mythos umfassen ein breites Spektrum der iranischen Gesellschaft – Monarchisten und Vertreter der Islamischen Republik, Nationalisten und Menschenrechtler. Offensichtlich füllt die fingierte Übersetzung eine Lücke, die von den beteiligten Menschen verspürt wird, sonst hätte die Propagandalüge des Schahs nicht so lang überlebt.
Mag ein zentraler israelischer Mythos im Bildnis David gegen Goliath zu suchen sein, so scheint in der iranischen Kultur der großmächtige, aber tolerante Herrscher das Ziel der Sehnsüchte zu sein. Die Gegenwart sieht anders aus? Also holen wir uns einen aus der Vergangenheit.
In Deutschland ist das nicht anders: Hatten wir schon keinen nennenswerten Widerstand gegen Hitler zu seinen Lebenszeiten, so hat Stauffenberg und das Attentat auf Hitler in München 1939 den Eingang in alle deutschen Geschichtsbücher gefunden. Im Vergleich dazu sind die Akte des Widerstands gegen die Nazis in den besetzten Ländern deutlich untervertreten, aber die entsprechen ja auch nicht dem Bedürfnis, dass „wir“ dem Tyrannen Widerstand geleistet haben wollen.
Immerhin ist es schön, dass es den Iranern danach steht, eine Menschenrechtserklärung im Zentrum ihrer Geschichte zu sehen, in der Toleranz und Freiheit im Mittelpunkt stehen. Einen deutlicheren Kontrast zum real existierenden Iran gibt es nicht.

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