Im Iran ist man nicht lange Charlie

Am Dienstag, den 13. Januar 2015, veröffentlichte die von den iranischen Reformern herausgegebene Zeitung Mardom-e Emrus (Das Volk von Heute) auf der ersten Seite ein Foto des Schauspielers George Clooney mit den Worten:


Clooney: Ich bin auch Charlie.
Für die Zeitung, die erst im Dezember 2014 wieder erscheinen durfte, war diese Form der Solidarität das Todesurteil.


Am 14. Januar 2015 schrieb die Teheraner Zeitung Keyhan („Die Welt“), deren Chefredakteur Schari‘atmadari ist und die von Ajatollah Chamene‘i herausgegeben wird, unter dem Titel „Die Verantwortlichen verschließen die Augen und die Abschreiber des Westens schmeicheln sich (im Westen) ein“ (Mas‘ulan-e cheshm baste wa xosh-raqsi-ye dikte-newisan-e wa-baste) folgendes:
„Zeitgleich mit dem Beginn einer neuen Phase der Beleidigung der heiligen islamischen Werte unter dem Vorwand der Verteidigung der Karikaturisten der abscheulichen Zeitschrift Charlie Hebdo, die ihr Leben (nach der Schari‘a) verwirkt haben und von einigen Terroristen, die ihr Leben (nach der Schari‘a) ebenfalls verwirkt haben, umgebracht wurden, hat die regelmäßig erscheinende Zeitung „Mardom-e Emrus“ (Das Volk von Heute) den Titel ihrer ersten Seite dem Satz „Ich bin Charlie“ gewidmet.


Nach dem verdächtigen Geschehen eines Angriffs mehrerer Terroristen auf das Büro der französischen Zeitschrift „Charlie Hebdo“, die schon mehrfach beleidigende Karikaturen gegen die Gestalt des Propheten von zwei Milliarden Moslems veröffentlicht hat, haben einige periodisch erscheinende iranische Publikationen ihre Mitwirkung am neuen Projekt der Oberhäupter der europäischen Staaten und Amerikas zur Entfachung einer neuen Welle der Islamophobie – nach den Ereignissen vom 11. September – publik gemacht.
Die neue Phase der Verbreitung von Angst vor dem Islam im Westen, mit dem Ziel, die europäischen Muslime zu vertreiben, wurde mit der Durchführung eines dürftigen und verdächtigen Szenarios eröffnet, so dass zu eben dieser Zeit ernsthafte Fragen in einigen westlichen Medien aufgeworfen wurden, etwa, wieso die Ausweise der Terroristen, die die französische Zeitschrift angriffen, im Auto liegen geblieben sind, und das vor der Durchführung eines durchgeplanten terroristischen Programms. Auch das Vorgehen der französischen Polizei angesichts dieser Angriffe steht zur Diskussion.
Trotz dieser Umstände ist es nicht klar, aus welchem Grund die Zeitung „Mardom-e Emrus“, deren Chefredakteur ein in Zusammenhang mit der Verschwörung von 2009 vorbestrafter Verbrecher ist (gemeint sind die Proteste der Bevölkerung gegen die Wahlfälschung vom Juni 2009, AdÜ), eine Titelseite zur Verteidigung der Beleidiger des Propheten des Islams gewählt hat. (…)“


Schari‘atmadari und die Vorbestraften
Schari‘atmadari, der Chefredakteur von Keyhan, gehörte zu den eifrigen Verteidigern des Wahlbetrugs von Ahmadineschad und entfachte damals eine Hetzjagd gegen die meist jungen Menschen, die 2009 zu Millionen auf die Straße gingen, um gegen die Wahlfälschung zu protestieren. Schari‘atmadari hat gehetzt, seine Gesinnungsgenossen in den Gerichten haben die Leute zu Gefängnis verurteilt. Noch heute sitzen viele dort.
Es hat deshalb ein „Gschmäckle“, wenn er von „vorbestraften Verbrechern“ spricht.
Dass Schari‘atmadari nicht irgendwer ist, zeigt die Reaktion der staatlichen Verfolgungsorgane. Am 17. Januar 2015 wurde Mardom-e Emrus beschlagnahmt, am 19. Januar wurde der Zeitung die Lizenz entzogen, sie darf nicht mehr erscheinen.

Hoch-die-inter-natio-na-le Solidarität?
Interessant ist auch, wie die kommunistische Tudeh-Partei im Iran auf diese Unterdrückung der Pressefreiheit reagiert hat. Sie betreibt die Webseite http://j.mp/1J3iwex, die auch über ein Archiv verfügt (zweiter lila Punkt in der grauen Titelseite der Webseite). Wenn man da die Tage vom 13.-19. Januar 2015 aufruft, findet man nichts über die staatliche Verfolgung der Zeitung „Mardom-e Emrus“.

Mal schauen, ob die in „Keyhan“ entwickelte Verschwörungstheorie von manchen Gruppen der europäischen Linken aufgenommen wird…

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