Der Hauptverantwortliche …

Zuerst eine Geschichte aus Saadis Golestan (Rosengarten):

Ein Mann, der an einem Augenübel litt, ging zu einem Vieharzt und verlangte von ihm ein Heilmittel; der Vieharzt strich ihm auf das Auge von der Salbe, die er den vierfüßigen Tieren aufzulegen pflegte, und der Mann wurde blind. Sie brachten die Sache vor den Richter; dieser sprach: Jener ist zu keinem Schadenersatz verbunden, denn wäre der Mann nicht ein Esel, so wäre er nicht zu dem Vieharzt gegangen. Aus dieser Erzählung soll man lernen, daß, wer einem Unerfahrnen ein wichtiges Geschäft anvertraut, außer der Reue, die er empfindet, auch noch von den verständigen Leuten des Leichtsinns beschuldigt wird.

Ein kluger Mann wird wichtige Geschäfte
Niemals dem Ungeschickten übergeben. 

Wer Matten webt, der ist wohl auch ein Weber,
Allein man nimmt ihn nicht zum Seidenweben.
Quelle der Übersetzung

Zu der obigen Geschichte gibt es jede Menge Analogien. Von denjenigen, die in Österreich Geld dafür gaben, dass Energien über den Bildschirm übertragen werden, bis zu den Eltern, die ihr Kind nach dem Unfall in die Kirche brachten, statt zum Krankenhaus zu fahren.

Es gibt noch etwas: wenn die Führung einen “Ungeschickten” zu einem Amt ernennt, wer ist dann der Hauptverantwortliche? Ich sage ein Beispiel: Ein Verrückter wie Jalili war einige Jahre Irans Atomchefunterhändler. Jalili wird heute von Vielen verantwortlich gemacht; für das Leiden der Bevölkerung unter Sanktionen wird ihm die Schuld zugeschrieben. Ist aber eigentlich nicht derjenige schuldig, der Jalili in diese Position ernannte?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will nicht Jalili verteidigen. Er ist ein verrückter Salafist, schiitischer Form. Diejenigen die solchen Menschen aber Verantwortung geben, tragen nicht weniger Schuld.  

Meinungen die keinen Respekt verdienen

1. Katholiken TV-Chef Lohmann sagte letztes Jahr in der Sendung von Günther Jauch, Frauen sollten nicht erlaubt werden, nach einer Vergewaltigung abzutreiben. Diese Meinung vertrat er auch bei Markus Lanz. Er fand es nicht in Ordnung, dass Günther Jauch seine Tochter als Beispiel in der Sendung erwähnte. Warum dürfen aber er und die katholische Kirche für Töchter anderer Menschen entscheiden?

2. Jannati, Teherans Freitagsprediger und Vorsitzender des Wächterrats, sagte am Dienstag, 24. Dezember: “Diener Gottes sollten die Islamische Republik schützen, auch wenn sie in der Minderheit seien”.

3. Es gibt immer noch Menschen, die der Meinung sind, Witwenverbrennung sei sinnvoll.

Es gibt tausende menschenverachtende Meinungen, die keinen Respekt verdienen. Trotzdem wird in unserer Gesellschaft immer wieder gefordert, dass Menschen alle Meinungen respektieren. Dies wird gnadenlos ausgenutzt. Nicht Meinungen, sonder Menschen verdienen Respekt.

Frohe Weihnachten

Warum ist meine Heimat Iran nicht fortgeschritten?

Wir Iraner müssen uns leider auch damit befassen, dass irgendeine nicht politische Gruppe, verhaftet wird. Unsere Zeit geht damit verloren, zu erklären, dass diese Leute nur Technik begeistert sind, dass Apple und Android nicht eine Erfindung gegen das System seien.

Eine Nasrin Sotoudeh muss lange Zeit erklären, dass sie nicht das Regime stürzten möchte, sondern nur ihre Mandate als Anwältin verteidigte.

Wir verlieren Zeit und Nerven, indem wir uns für Menschenrechte einsetzen. Diese Probleme sind existenziell und wichtig. Obwohl sie unnötig sein sollten, sind sie eine absolute Notwendigkeit.

Wirtschaftsexperten müssen aufpassen was sie sagen, damit sie nicht Beruf und Freiheit verlieren. Man kann leicht einem vorwerfen, seine Thesen seien gegen das System oder den Islam. Viele verlassen das Land.

Aber auch die, die den Iran nicht verlassen möchten und das Land mit unpolitischen Aktivitäten nutzen möchten, fühlen sich nicht sicher.

Historiker und Studenten müssen sich mit Attacke-Kommentaren und Bedrohungen von Islamisten, Nationalisten und Pan-Iranisten auseinander setzen, während sie von einander über die Geschichte lernen wollen.

Das sind auch Gründe, warum ein ganzes Land mehr oder weniger politisch denkt. Unpolitische (und Religion unkritische) Aktivitäten können gefährlich oder grundlos gestoppt werden. Das ist auch der Grund, warum viele Iraner nach Rouhani-Ära nicht zurück in das Land gehen werden. Es sei denn, es geschieht etwas.

Die dargestellte Problematik existiert auch in Europa. Das Ausmaß ist aber nicht vergleichbar. Im 21. Jahrhundert muss noch diskutiert werden, ob Schwulen-Ehe ok ist oder nicht. Es wird diskutiert, ob die Kirche weiterhin Gelder verschwenden darf und so weiter. Umweltschutz und Armutbekämpfung werden oft vergessen.

Atomgespräche: Iranische Journalisten im Ausland zensieren uns

In meinem englischen Blog schildere ich, wie iranische Journalisten im Ausland versuchen ein schwarz-weißes Bild über Iran neue Außenpolitik zu geben. Natürlich nicht alle Journalisten. Zum Artikel

Das Recht auf Urananreicherung ist mir egal; Hauptsache ein Schritt zum Frieden

Viele Fragen sich, was die Details des heutigen Atomabkommens waren. Im Iran behaupten manche, Zarifs Team habe gesiegt. Die genauen Detail kennen wir nicht, es gibt widersprüchliche Aussagen. Fakt ist, dass das Atomproblem noch nicht gelöst wurde, aber die Verhandlungen machten eine diplomatische Lösung wahrscheinlicher.

Hat Zarif eigentlich wirklich gesiegt? Besser gefragt, in was hat hat er gesiegt? Die Parole “Atomenergie ist unser Recht” war nie meins. Mir ist die Atomenergie egal; ehrlich gesagt bin ich gegen den Bau von Atomkraftwerken, darum geht es aber heute nicht. Was ich sagen will ist: für mich hat die Frage des “Siegs” nichts mit dem Recht der Urananreicherung zu tun. Wir Iraner haben dann gesiegt, wenn wir “Frieden” erreicht haben. Zur Zeit leben wir in einer Phase zwischen Krieg und Frieden. Menschen im Iran feiern das gestrige Abkommen, weil sie es satt sind, von der Welt isoliert zu werden. Klar sind Kriegstreiber über das Zustandekommen des Abkommens wütend. Die Kayhan Zeitung, das Sprachrohr der Hardliner, fantasiert z.B. , dass das Abkommen schon vor bei ist: “Amerika war nicht zu vertrauen, das Abkommen in Genf dauerte nur eine Stunde an”, titelt die Zeitung! (Kerry sagte in der Pressekonferenz, im Abkommen wurde das Recht des Irans auf Urananreicherung nicht erwähnt).

Viele im Iran mögen jetzt propagieren, dass Zarif und die Islamische Repubik gesiegt haben. Iranischer Blogger, Runy Key, beschreibt dies elegant und sarkastisch: Am 11. November 1918, als Deutschland kapitulierte, gab es zweierlei Gefühle in Deutschland.  Die Kriegstreiber waren wütend, dass sie den Krieg verloren hatten. Das Volk war aber glücklich, dass der Krieg endlich vorbei war. Aber kein Depp bezeichnete die Kapitulation als Sieg der Deutschen. 

Das Recht auf Urananreicherung ist mir egal. Ich will, dass niemand mehr in Folge der Sanktionen stirbt oder Hunger leidet. Dass kein Vater sich mehr schämen muss, weil er seine Kinder wieder sagen muss, dass er nichts zu essen kaufen konnte.

Vergleichbare Artikel:
Iranian Human Rights Activists Blast Congress’s Sanctions Push

Wo ist der Schlüssel zur Freiheit?

Wo ist der Schlüssel zur unseren Freiheit?

Der überraschende Sieg Rouhanis bei den Wahlen vor etwa 3 Monaten weckte eine große Hoffnung in der iranischen Gesellschaft. Eine wichtige Frage im heutigen Iran ist, ob und wie weit Rouhani das Land reformieren will oder kann.

Eine Gruppe der iranischen Opposition sieht in Rouhani keinen echten Reformer. Rouhanis Unterstützer kann man in zwei Gruppen teilen:

Eine Gruppe, die eine Kritik an Rouhani kontraproduktiv findet. Diese Gruppe reagiert folgendermaßen auf gängige Kritik: “man darf nicht die Erwartungen groß und unrealistisch machen” und “die radikale Bewegungen sollen gestoppt werden”. Die zweite Gruppe will aber nach 100 Tagen große gesellschaftlich-politische Änderungen sehen und bricht langsam ihr Schweigen. Gestern z.B. fragten viele Aktivisten den iranischen Präsidenten auf Twitter: “wo ist der Schlüssel?” (کلیدکو).

Bleiben wir zunächst aber bei der ersten Gruppe: Warum soll man Rouhani nicht kritisieren? Warum soll man seine Grundrechte, die man sogar während Ahmadinedjads Amtszeit erwähnte, auf einmal vergessen?

Die Begründung, die man oft liest, sieht folgendermaßen aus:

Scheitere Rouhani an Atomverhandlungen, würde er wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation keine Chance gegen Hardliner haben. Deshalb müsse man Rouhani unterstützen, auch wenn er sich nur auf Atomverhandlungen konzentriert.

Bei dieser Argumentation wird aber vergessen, dass auch ein Velayati für eine diplomatische Lösung in der Atomfrage war. Die Wahl Rouhnais war also nicht eine rein wirtschaftliche Wahl.

In der Wahlurne #110, in der Chamenei und seine Leute ihre Stimme abgaben, bekam Jalili 200 Stimmen, der konservative Ghalibaf 124 Stimmen, alle andere Kandidaten bekamen zusammen 20 Stimmen. Chamenei hat also wahrscheinlich die Wahlversprechungen Rouhanis nicht gemocht. Er hat folgende Instrumente, die Träume vieler Bürger nach mehr Öffnung zu verhindern:  Legislative, Judikative und die Revolutionsgarde. Und dies setzte er bisher ein: das Parlament erschwerte Rouhani die Wahl seiner Minister mit seinem Vetorecht. Die Judikative gibt einen Hinrichtungsbefehl nach dem anderen. Teil der Revolutionsgarde versucht Rouhani bei den Atomverhandlungen im Weg zu stehen. Sie verdienen ja an den Sanktionen.  

Was können wir tun?

Betrachten wir folgende Möglichkeiten:

1. Angenommen, Rouhani will innenpolitisch wirklich etwas ändern. Um ihn zu stärken, muss man ihn aktiv gegen Hardliner unterstützen; von ihm wollen, dass er etwas tut; die politische Bühne nicht verlassen.

2. Vorausgesetzt, hat Rouhani die Aufgabe, Iran zu beruhigen, mit wenig wie möglich Reformen. Bleibt die Gesellschaft wachsam und verlangt sie weiterhin ihre Wünsche, kann Rouhani nur mit Erfüllung dieser Wünsche die Gesellschaft glücklich und langfristig ruhig machen.

Für den Fall 1 helfen Rouhani seine aktive Anhänger und seine Kritiker zugleich. Beide fordern und fördern Demokratie und Liberalismus. Beide Gruppen sind notwendig für einen Fortschritt. Im Fall 2 werden sich die beiden Gruppen langsam wieder annähern und wieder zusammen arbeiten.

Nur die Gruppe, die sich mit wirtschaftlichen Verbesserungen zufrieden gibt, und von uns aktiv verlangt, still zu werden, stört. Diejenigen die uns sagen, wir sollen pragmatisch denken, (d.h. die Menschenrechte, politische Gefangene, Rechte der Minderheiten und viele grundlegende Rechte vergessen sollen), werden wir nicht überzeugen können. Sie werden ihren Weg gehen und wir Unseren.

Islamische Disco Stimmung statt Trauerfest während Ashura-Umzugs

Der arabische Monat Muharram, in dem Schiiten ihr höchstes Trauerfest Aschura begehen, hat begonnen. Das obige Video wird Vielen, die vor etwa 10 Jahren während Aschura-Umzugs den Iran besucht haben (oder im Iran gelebt haben), überraschen und fremd sein. Aschura ist ein Umzug der religiösesten Iraner. An diesem Tag gedenken sich Shiiten den Tod des zweiten Imam Hussein im Jahr 680. Dieses Gedenken muss schmerzvoll sein, deshalb schlagen sich die Schiiten.

Eigentlich kennt man eher solche Szenen von Aschura:

Und der professionelle Sänger, der die Gläubigen zum heulen bringt, ist in der Regel ein mächtiger reicher Mann.

Iranische Gesellschaft wandelt sich sehr schnell. Satelliten und Internet sind die Hauptgründe. Aschura-Umzüge könnten nicht mehr lange anhalten, wenn sie traditionell geblieben wären. Aschura mit Disco-Stimmung zieht aber Jugendliche aus religiösen Familien an: Sie haben ihren Spaß, die Eltern verbieten ihnen die Teilnahme nicht. Un der Sänger (Maddah) paast siche dieses Wechsel an und verdient weiterhin sein Geld.